… Bei meinen Diplombüchern handelt sich um Einbände, für die ich Verlagsbände aus einer Reihe der Büchergilde Gutenberg ausgewählt habe. Es sind Ausgaben aus den dreißiger Jahren, welche mich an meinen Großvater erinnern, der diese Reihe gesammelt hat. Es sind Bücher, die Erzählungen und kleine Romane von Martin Andersen Nexø, Gottfried Keller und Kristmann Gudmundsson beinhalten, die Glück auf ganz unterschiedliche Weise thematisieren. Mir ist es wichtig den Inhalt der Bücher zu kennen, die ich einbinde, denn der Inhalt begleitet meine Gedanken während der gesamten Arbeit am Buch. Die neue Hülle ist nicht völlig gelöst vom Inhalt, auch wenn ich nicht illustrativ auf den Text eingehe, sondern Farb- und Formassoziationen in die Gestaltung einbringe und eigene Gedanken hinzufüge.

Die drei Bücher stellen den Anfang einer geplanten Versuchsreihe dar. Ich habe mir die Technik des Franzbandes mit offenem Falz gewählt, die ich sehr spannend finde, weil sie etliche Variationsmöglichkeiten bietet ohne großartige Beschränkung der Materialwahl. Der Ganzfranzband, die Königsdisziplin in der Einbandkunst, ist mir zu eingeschränkt in seinen Gestaltungsmöglichkeiten und ist für mich derzeit nicht besonders reizvoll. Ich arbeite daran Form und Inhalt stärker aufeinander zu beziehen. Und diese Technik scheint mir am variabelsten zu sein, was die Ausstrahlung des Buchkörpers anbelangt. Das Buch kann leicht oder kompakt wirken, je nach Verwendung von Material und Materialstärken. Sie ist nicht für große schwere Bücher geeignet, jedoch finde ich momentan dieses Format am spannendsten.

Ich habe mich für den Anfang für Lederrücken und papierbezogene Deckel entschieden. Die intuitiv gewählten kräftigen, fast schon süßlichen Farben assoziiere ich mit einem scheinbaren Glück. In allen drei Büchern wird das Glück in seiner Existenz hinterfragt. Unser Leben ist geprägt von Glücksversprechen, die meist nur Fassade sind. Nicht jeder findet sein Glück. Die Verteilung der drei Farben auf den Deckeln und die Variation des Reliefs verbindet die drei Bücher zu einer Einheit. Ich wollte ein zartes Relief auf die Deckel bringen, ein haptisch erfahrbares Ornament, um verschiedene sinnliche Reize auszulösen. Man möchte das Buch anfassen, um das Relief zu begreifen. In einer Ausstellung ist das tabu, aber es weckt Bedürfnisse für einen privaten Rahmen, für den diese Erfahrung gemacht ist.

Für das Ornament habe ich nach einer Form gesucht, die allen drei Büchern gleichermaßen entspricht. Durch die Reihe relativiert sich der Bezug zu nur einem Buch. Ich habe nach einer Formensprache gesucht, die vor meinem inneren Auge auftaucht, während ich die drei Bücher lese. Bei den Seldwyler Geschichten waren es alte verwinkelte Fachwerkstädtchen mit prunkvollen, reich verzierten Gebäuden, aber auch kleinen, unscheinbaren Häuschen. Keller beschreibt keine realen Städte, so dass der Leser seiner eigenen Phantasie freien Lauf lassen kann. Ich habe mir Verzierungen vorgestellt, kunstvolle Holzverbindungen und Gegenstände, die die Bewohner besessen haben könnten. Genauso bei den isländischen Bauern und den dänischen Steinhauern und der Familie Frank. Am Ende habe ich eine Form erhalten, die ich als immer gleiche Zwischenform genutzt habe, um eine Gleichwertigkeit zwischen der ornamentalen, floral anmutenden Fläche und den Zwischenformen zu erhalten.

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