Bildwelten.


Dramatische Buchentwicklung oder die Kunst mit dem Kopierer Originale zu schaffen.

Ein Pfingst-Workshop aus der Reihe Künstlerbücher in der Spielkartenfabrik Stralsund.
2. bis 4. Juni 2017

Gute Künstlerbücher unterliegen, meiner Meinung nach, einer sehr komplexen Dramaturgie, die sich nicht nur auf die Text- sondern auch auf die Bildebene erstreckt bzw. nur auf die eine, bei der Abwesenheit der anderen. Man kann sich dem Objekt auf eine freie und intuitive Art und Weise nähern und durch Vorwärts- und Rückwärtsblättern, Seiten überspringen sowie Seiten ausklappen immer wieder neue Erzählstränge entdecken. Durch kürzere Seiten entstehen, je nach Positionierung, neue Kompositionen und neue Bedeutungsebenen, Ausklappseiten oder -bögen erweitern das Format. Eine Buchstruktur muss nicht linear sein wie beim klassischen Roman, bei dem sich der Leser Wort für Wort, Zeile für Zeile, Seite für Seite vorarbeitet, um den Inhalt zu begreifen. Interessanterweise kann man auch bei Belletristik immer häufiger parallele Erzählstrukturen entdecken, die vom Buchgestalter als solche sichtbar gemacht werden können und so den Leser zu einem aktiven Entdecker des Buches machen und ihn bewusst entscheiden lassen an welcher Stelle der ein oder andere Erzählstrang verlassen bzw. wieder betreten wird.
Künstlerbücher können in dem Punkt die anspruchsvollste Herausforderung für den Rezipienten sein, weil sie keinen Einschränkungen unterliegen, wie ein Buch bei einem großen Verlag, welches einer breiten Masse an Lesern leicht zugänglich sein soll. Je freier sich der Buchkünstler dem Medium genähert hat, desto weniger linear ist die Buchstruktur, bis zum völligen Chaos, welches erst durch das intensive Entdecken der Einzelteile seine Zusammenhänge begreifen lässt. Komplizierte Buchstrukturen sind natürlich kein Muss für ein Künstlerbuch, es kommt ganz auf das gewählte Thema an, aber es ist eine großartige Möglichkeit.
Hilfreich dabei ist die enorme Bandbreite an Bindearten und deren Mischformen, die bei den kleinauflagigen Künstlerbüchern zur Verfügung stehen. Dabei geht es nicht um Effektivität und Kostenersparnis, sondern um die passende Bindung und Buchstruktur für den gewünschten Inhalt, egal wie zeitaufwendig die Herstellung dazu ist.

Den Workshop starten wir am Freitagabend mit einer Einführung ins Thema Künstlerbuch und seine Möglichkeiten. Am Pfingstwochenende widmen wir uns dann wieder dem eigenen Künstlerbuch. Diesmal liegt der Schwerpunkt auf dem Thema Bildwelten. Jeder bringt ein Bild seiner Wahl in gedruckter Form mit, egal ob Foto, Zeichnung, Malerei, Hoch-, Tief-, Flach- oder Durchdruck, egal ob gefunden oder selbst geschaffen. Dieses Bild soll für jeden Teilnehmer der Ausgangspunkt sein, sich dem Medium Buch anzunähern und sein individuelles Künstlerbuch zu fertigen. Wir nutzen einen Kopierer, um durch die Kopie von der Kopie, durch Vergrößer- und Verkleinerung, durch Überlagerungen mehrerer Kopierschichten, neue Bildwelten zu schaffen und Geschichten zu erzählen. Wir experimentieren mit verschiedenen Kompositionen und Buchstrukturen, um die Dramaturgie des Buches genau festzulegen, durch die Reihenfolge der Seiten, dessen Formate und deren Bindung. Der finale Dummy wird anschließend als Buch umgesetzt.

Bei unserem Bildfindungsprozess arbeiten wir im Spannungsfeld von Kopie und Original sowie mit der Reibung zwischen analoger und digitaler Welt. Wir arbeiten mit einem digitalen Kopierer, der im Gegensatz zum analogen Kopiergerät einen Zwischenspeicher hat, in dem die Daten komprimiert werden, bevor sie an die Druckeinheit gesendet werden. Eigentlich liegt der Vorteil der digitalen Kopierer in der Effektivität und dem fehlerfreien und randscharfen kopieren von Text- und Bildvorlagen, der Möglichkeit die digitalisierten Vorlagen zu verändern, als auch in dem schnelleren Vervielfältigen, da für mehrere Kopien einer Vorlage nicht immer wieder neu belichtet werden muss, dank dem Zwischenspeicher. Doch durch die Datenkomprimierung kann es zu Datenverlust und damit zur digitalen Patina kommen. Bei Xeroxgeräten soll es laut einem Artikel im SpiegelOnline (v. 5. und 9.8.2013) sogar zu Zahlentausch bei sehr kleinen Schriftgrößen gekommen sein, weil die Daten zu ähnlich waren und dadurch nur einmal gespeichert und anschließend reproduziert wurden. Wir wollen bewusst mit dieser Patina arbeiten und sie in den kreativen Arbeitsprozess einbinden. Wo liegen die Grenzen der Geräte, ab welchen Extremen treten Fehler auf? Wie wirkt sich die Datenkomprimierung auf Bilder aus, wenn wir sie extrem verkleinern und dann wieder vergrößern? Ab wann wird aus der Kopie wieder ein Original? Und welchen Einfluss hat die analoge Patina, z. B. durch die versehentliche Verschmutzung des Vorlagenglases?

Zum Ende des Kurses hält jeder Teilnehmer ein eigenes Künstlerbuch in den Händen. Die Materialkosten sind im Teilnehmerbeitrag enthalten. Bitte Notizbuch und Stifte mitbringen.

Kursleiterin: Rita Lass
Veranstaltungsort: Spielkartenfabrik – Museumswerkstatt in Stralsund
Teilnehmerbeitrag: 150 € (inkl. Material)
Für 3 bis 7 Teilnehmer*innen im Alter von 10 bis 100 Jahren. Mitzubringen ist eine Grafik Ihrer/deiner Wahl.
Zeitraum: 2. bis 4. Juni 2017
Uhrzeit: Fr 17–20 Uhr, Sa und So je 11–18 Uhr

> Anmeldungen telefonisch unter 03831–70 33 60 oder hier

Kontakt:
Spielkartenfabrik – Museumswerkstatt in Stralsund
Katharinenberg 35
18439 Stralsund

Bürozeiten: Mo–Fr: 11–13 Uhr und 15–17 Uhr
Telefon: 038 31–70 33 60

E-Mail: post[at]spiefa.de

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Rückblick auf Kursangebote in der Spielkartenfabrik Stralsund:

> Bilder vom Pfingstworkshop 2013 // > Pfingstworkshop 2014 – Unikatbuch Garten //

> Septemberworkshop 2014 – Buntpapiere Reservetechnik